Betriebsreportage

In unserer aktuellen Betriebsreportage wurde über die letzten Jahre die Kälberaufzucht hin zur ad libitum Tränke optimiert. Wie die ad libitum Tränke dort aussieht, das lesen Sie hier.

„Der Start ins Leben ist entscheidend. Auch bei unseren Kälbern!“, so die Betriebsleiterin. Sie studierte Agrarwirtschaft an der Hochschule in Nürtingen und stieg 2007 in den elterlichen Fleckviehbetrieb mit ein. Ursprünglich bewirtschafteten die Eltern einen Milchviehbetrieb mit 45 Stallplätzen. 2009 begannen sie gemeinsam in einer GbR mit der Erweiterung des Stalls um 50 Stallplätze. Somit umfasst der Betrieb aktuell 95 Plätze plus eigene Nachzucht. Die Stallplätze wurden von ehemals Tiefboxen mit Stroheinstreu auf Hochboxen mit Gummimatten umgestellt. „Es hat arbeitswirtschaftlich einfach Nachteile, wenn man täglich die einzelnen Boxen mit Stroh pflegen muss." Die Gummimatten werden offensichtlich gut von den Kühen angenommen. Die Lauffläche besteht aus Vollspalten, die von einem Schieberoboter gereinigt wird. Gemolken wird in einem Melkstand, zweimal täglich.
In den vergangenen Jahren beschäftigten sich die Betriebsleiter intensiv mit der Optimierung der Kälberaufzucht. Es wurde viel umgebaut, dokumentiert, verändert und für gut befunden. Aus dem ehemaligen Anbindestall der Kühe wurde 2014 ein Kälberabteil. Hier herrschen, dank der dicken Betonwände, optimale klimatische Bedingungen für die Kälber: im Winter wird es nicht zu kalt und im Sommer bleibt es schön kühl. Das Kälberabteil umfasst 18 Systemboxen, in denen die 1-4 Wochen alten Kälber versorgt, betreut und beobachtet werden. „Die Hygiene ist das A und O in der Kälberaufzucht. Daher war mir eine einfache Reinigung und ein unkomplizierter Auf- und Abbau der Boxen besonders wichtig.“ Deshalb entschied sie sich für ein Boxensystem aus Kanada, den Drop-in-Go Boxen (www.agri-plastics.nl). Diese Boxen können nach der Belegung komplett mit wenig Arbeitsaufwand gereinigt und desinfiziert werden. Auch die Türe lässt sich schnell öffnen und schließen, um die Tierkontrolle zu vereinfachen. „Ich füttere meine Kälber ad libitum. Dadurch haben wir viele Vorteile: wir brauchen nahezu keine Medikation, die Tiere geben mehr Milch, wachsen besser und sind einfach gesund und vital. Noch dazu liegt das Erstkalbealter mittlerweile bei 23-24 Monaten.“

 

Ad libitum Tränke

Die Kälber haben jederzeit Zugang zu Wasser und Milch. Direkt nach der Geburt werden sie mit Biestmilch versorgt. Auch diese kann das Kalb ad libitum zu sich nehmen, jedoch wird bei der Erstversorgung darauf geachtet, dass das Kalb innerhalb der ersten 2 Lebensstunden mindestens 3-4 Liter unangesäuerte Biestmilch zu sich nimmt. Dadurch wird das Immunsystem gestärkt und das Kalb mit den wichtigen Abwehrstoffen versorgt. Zur Erstversorgung gehört zusätzlich ein Eisen- sowie ein E-Selenpräparat. Die folgenden 5 Tage erhalten die Kälber ausschließlich angesäuerte Biestmilch vom Muttertier. Danach wird über das Milchtaxi ein Biestmilch-Tankmilch-Mix getränkt. Das Taxi wird morgens und abends frisch mit dieser Mischung befüllt und mit einem Pulver angesäuert, um die Haltbarkeit über den Tag gewährleisten zu können. Die Tränkeeimer werden morgens und abends mit warmen Spülwasser gereinigt, bevor diese neu befüllt werden. Die Kälber trinken bis zu 10 Liter und mehr. „Man muss zusätzlich bedenken, dass die Kälber einen höheren Gesamtumsatz haben und ältere Kälber bis zu 16 Liter pro Tag trinken.“ Ab dem 6. Tag bekommen die Kälber ein Kälbermüsli zur Verfügung. Dadurch können sie sich an feste Nahrung gewöhnen.
„Die Prophylaxe geschieht über eine Muttertierimpfung. Dadurch werden die Kälber über die Biestmilch mit den notwendigen Antikörpern versorgt. Außerdem bekommen die Kälber eine Grippeschutzimpfung. Jede weitere Medikation ist rein therapeutisch.“ Und die Vorteile liegen klar auf der Hand: die Kälber sind weniger krank, bei Durchfall erholen sich die Kälber trotz vorgehängter Milch sichtbar besser und die Kälbersterblichkeit liegt bei 0. „Die ad libitum-Tränke hat nicht von heute auf morgen einfach funktioniert. Wir füttern seit 2011 ad libitum und haben nun alles soweit umgestellt, dass es für uns optimal ist und wir mit tollen Ergebnissen arbeiten können. Man muss ein Gefühl für die Fütterung entwickeln“, so berichtet die Betriebsleiterin von ihren Erfahrungen.
Die Kuhkälber bleiben 3-4 Wochen im Kälberabteil, die Bullenkälber werden nach 2-3 Wochen vermarktet. Insgesamt bekommen die Kuhkälber ca. 65 Tage Milch. Nach 3-4 Wochen im Kälberabteil kommen sie in einen Gruppenaufzuchtstall, in dem mit einem Milchtränkeautomat abgetränkt wird. Dabei wird großer Wert auf einen hochwertigen Milchaustauscher (> 50 % Magermilchanteil) gelegt. Die Kälber stehen dort in 2 Gruppen in einem Tiefstreustall mit Spalten im Fressbereich und einem Auslauf. Ab dem 50. Tag werden die Kälber abgetränkt und die Kälbermüsliration erhöht. Wenn die Kälber sicher fressen, kommen sie in den Kuhstall bis zu ihrem ersten Einsatz als Milchkuh. "War in der Aufzucht alles problemlos, kann ich davon ausgehen, dass hier auch keine weiteren Probleme mit der Kuh auftreten." Die Milchleistungen der Kalbinnen sind mit über 30 Litern überdurchschnittlich gut. Gutes Futter und gute Stallbedingungen sind obligatorisch. „Wobei wir hier auch noch Potenzial haben. Als nächstes möchten wir unsere Arbeitsabläufe optimieren. Wir wollen in einen Melkroboter investieren und die Fütterungstechnik modernisieren“, so die Ankündigung der Betriebsleiterin.
Durch die akribische Dokumentation ist es möglich viele Rückschlüsse über die Aufzucht ihrer Kälber zu ziehen. So ist der Anteil an Schwergeburten, Totgeburten und Verendeten (innerhalb 48 h) signifikant im Betrieb gesunken. Die Milchmenge hat sich über die vergangenen Jahre deutlich gesteigert. Speziell bei den Kälbern sind die durchschnittlichen Tageszunahmen deutlich höher und Erkrankungen wie Durchfall, Kokzidien, Lungenproblemen und Nabelentzündungen sind nur bei unter 10% der Kälber aufgetreten. „Natürlich ist uns klar, dass man das nicht nur auf die ad libitum Tränke zurückführen kann. Es haben sich auch andere Rahmenbedingungen geändert und sind besser geworden. Dennoch glaube ich, dass der Großteil auf die optimierte Kälberaufzucht zurückzuführen ist, denn, wie gesagt, ein guter Start ins Leben ist entscheidend!“